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Characidium spec. "Westhäuser"

Vorwort:

Foto 3Durch die Standardliteratur bin ich auf die verschiedenen Arten der südamerikanischen Bodensalmler aufmerksam geworden, allerdings war es mir erst Anfang 1999 vergönnt, Tiere der Gattung Characidium im Händlerbecken zu sehen und auch zu erstehen.

Wer sich etwas mit der Literatur beschäftigt, wird schnell feststellen müssen, dass es nicht sehr viele Informationen über die Unterfamilie der Characidiinae gibt. Das liegt vielleicht auch daran, weil es sich bei den Tieren nicht um farbenprächtige Fische handelt, sondern eher um "graue Mäuse". Mit diesem Artikel möchte ich einen kleinen Teil dazu beitragen, das Interesse an diesen überaus interessanten Fischen zu wecken.

Die Bezeichnung Characidium sp. "WESTHÄUSER III" entstand aus der Not heraus, die drei verschiedenen Arten die ich in meinen Aquarien pflege (insgesamt gibt es über 40 Arten von Bodensalmlern der Gattung Characidium), nicht genau bestimmen zu können. Es lassen sich zwar viele Fotos über Tiere der Unterfamilie Characidiinae auffinden, jedoch wurde anscheinend in den seltensten Fällen ein Systematiker zur Bestimmung herangezogen, sondern fast alle Tiere als Characidium fasciatum bezeichnet. Somit habe ich die Arten nach dem Pfleger benannt. Der Hauptteil der Beobachtungen in diesem Artikel wurde innerhalb eines halben Jahres Pflege in einem Artbecken gewonnen - die genannten Copella cf. nattereri wurden erst nach ca. 5 Monaten eingesetzt.

Bei Characidium sp. "WESTHÄUSER III" handelt es sich übrigens um die Art, die Dieter OTT (2000) als Characidium sp. "WESTHÄUSER" bezeichnet.



Einleitung:

Mittlerweile pflege ich drei verschiedene Arten der Characidium zebra-Gruppe. Bei keiner dieser drei Arten ist das Herkunftsgebiet genauer zu bestimmen. Die einzelnen Arten unterscheiden sich hauptsächlich in der Zeichnung (Querbänder in Bezug zum Längsband) sowie in der Kopfform (kurze, stumpfe "Nase", spitze "Nase"). Bei meiner ersten Art sind die Querbänder nur in der oberen Körperhälfte vorhanden und enden kurz vor dem Längsband; meine zweite Art ist gekennzeichnet durch kurze Querbänder die nicht über den ganzen Rumpf verlaufen, sondern nur das Längsband kreuzen. Die dritte Art hat Querbänder, die vom Rücken bis über das Längsband zur unteren Körperhälfte hinausreichen. Die Grundfärbung ist bei allen von mir gepflegten Arten beige.

Foto 1Das Verhalten ist artabhängig. Meine ersten zwei Arten verhalten sich, wie man es sich von Bodensalmlern vorstellt und es in der Literatur nachlesen kann: Sie halten sich hauptsächlich am Boden auf und schwimmen nur selten und unter sichtlicher Anstrengung ins freie Wasser, um dort Futter zu erhaschen. Der Hauptanteil der Nahrung wird jedoch am Grund gesucht, indem z. B. feiner Sand und Mulm durchgekaut bzw. nach Würmern durchsucht wird. Die zuerst beschriebene Art führt ein sehr verstecktes, scheues Dasein. Tiere der zweiten und dritten Art hingegen sind neugierig und kommen an die Frontscheibe des Aquariums, wenn jemand davor steht.

Erstaunlich finde ich, dass seit dem Einsetzen zweier Bodensalmler der ersten Art in mein Pflanzenbecken im März 1999 nur noch fünf Jungfische meiner fast täglich laichenden Brillantsalmler aufkamen. Vorher waren immer Jungtiere entweder im Filter oder im dichten Pflanzenwuchs zu entdecken.

Die dritte Art hat ein Verhalten, das von Beschreibungen aus der mir bisher zugänglichen Literatur völlig abweicht. Die Fische stehen die meiste Zeit im freien Wasser bzw. zwischen Pflanzen - ähnlich wie Arten der Gattung Nannostomus. Die Flossen werden allerdings mit einer viel höheren Frequenz bewegt wobei der Körper immer in einem Winkel von ungefähr 15 ° schräg nach oben steht. Als ich die Tiere erwarb, waren sie ca. 40 mm lang, hatten einen sehr schlanken Körper und sahen etwas unterernährt aus, was sich jedoch schon nach kurzer Zeit änderte. Sogar das kleinste Tier, dem ich eigentlich keine große Überlebenschance gab, wuchs heran. In den ersten Wochen bestand ihre Ernährung ausschließlich aus lebenden schwarzen Mückenlarven, die täglich gereicht wurden. An eine Umstellung auf Frostfutter war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken.

Erstaunlich schnell legten sie an Körperumfang und Größe (inzwischen ca. 50-60 mm) zu und es zeigten sich erste Unterschiede zwischen den Tieren. Die Weibchen wurden fülliger und wirken somit hochrückiger, die Männchen blieben hingegen schlank. Die in der Literatur (ZUKAL/FRANK) zur Geschlechtsunterscheidung angegebene Punktreihe in der Rückenflosse der Männchen ist bei allen Tieren, auch bei den Weibchen, zu sehen, wenn auch bei manchen stärker ausgeprägt, was besonders schön nach einem kühlen Wasserwechsel zu sehen ist. Eine sichere Geschlechtsunterscheidung war deshalb erst nach mehreren Monaten Pflege möglich.



Pflege:

Ich pflege die zehn Fische in einem 200l-Aquarium mit teilweiser dichter Bepflanzung. Als Begleitfische bevölkern inzwischen einige Copella cf. nattereri die oberen Wasserschichten. Die Wasserwerte sind folgende: Gesamthärte 2 ° dH, Leitfähigkeit 80 µS/cm, Temperatur: 25 °C. Angaben zum PH-Wert mache ich nicht, da er in diesem Becken nicht kontinuierlich gemessen wird und durch Torffilterung und Wasserwechsel schwankt. Ein Wasserwechsel erfolgt mindestens einmal wöchentlich, wobei ca. 25 % des Wassers gewechselt werden. Gefiltert wird über einen Mattenfilter mit nachgeschaltetem Außenfilter, der sporadisch mit einem Päckchen Torf bestückt ist. Zusätzliche Strömung wird durch eine kleine Tauchpumpe erzeugt. Die Torffilterung wirkt sich insofern aus, dass die Grundfärbung der Fische (normalerweise: beige) ins Gelbliche übergeht. Eine Verhaltensänderung ist bei Torffilterung jedoch nicht festzustellen.



Verhalten:

Foto 2Die anfänglichen innerartlichen Aggressionen nahmen mit der zunehmenden Verkrautung des Beckens ab. Ernsthafte Streitereien sind selten, meistens bleibt es bei Imponiergehabe. Trotzdem sind gelegentliche Rammstöße auf Artgenossen zu beobachten. Diese zielen meist auf die seitliche Rumpfpartie; die Tiere weichen einander jedoch geschickt aus, so dass bisher keine Verletzungen registriert werden konnten. Die seit ein paar Wochen mit im Becken schwimmenden Copella cf. nattereri werden nicht weiter beachtet. Bemühungen um Nachwuchs bei den Copella werden allerdings registriert und die Brut als potentielles Futter betrachtet (meine Characidium lauern regelrecht unter der Schwimmpflanzendecke den Jungfischen auf).

Zu Beginn wurde von jedem Characidium sp. ein kleines Revier beansprucht, wobei sich jedoch auf Grund des begrenzten Raumangebotes die Reviere überschnitten. Je unübersichtlicher das Aquarium für die Fische allerdings wurde, desto weniger stark wurden die Reviere beansprucht. Die Tiere halten sich überall auf; die Imponiergesten nehmen immer mehr ab.

Beim Imponieren stehen sich die Fische in Parallel- sowie Antiparallelstellung mit schräg bis senkrecht nach oben geneigtem Kopf gegenüber. Dabei drehen sie sich aufgeregt zitternd mit abgespreizten Flossen um einen fiktiven Mittelpunkt, bis eines der beiden Tiere wegschwimmt. Der Flüchtende wird nur kurz verfolgt. Andererseits sieht man oft auch mehrere Tiere friedlich nebeneinander in der Strömung stehen.

Wie bereits am Anfang erwähnt, halten sich meine Characidium sp. "WESTHÄUSER III" sehr oft im freien Wasser auf, in der Nacht sind jedoch alle Tiere am Boden zu finden.

Zudem soll erwähnt werden, dass meine Characidium nicht nur aus Futtergier, sondern auch allgemein sehr neugierig sind. Als ich die Gesamtlänge der Tiere herausfinden wollte, hatte ich ein Lineal an die Frontscheibe des Aquarium gedrückt und gehofft, es würde mir einer davon die Freude machen und mich Maß nehmen lassen. Zunächst verschwanden alle Fische, um nach ein paar Sekunden neugierig, aber sehr vorsichtig, das Lineal zu begutachten - aber immer mit wenigen Zentimetern Abstand.



Futter:

Die Tiere sind, wenn Futter gereicht wird, gierige Fresser, die im Verhältnis zu ihrem kleinen Maul auch relativ große Futtertiere zu sich nehmen können. Bei der Verfütterung von Weißen Mückenlarven ist dies besonders deutlich zu sehen: Obwohl noch das eine Ende einer Mückenlarve aus dem Maul herausragt, wird schon nach der Nächsten geschnappt. So kommt es des öfteren vor, dass ein Tier mehrere Futtertiere wieder ausspuckt, um sie erneut aufzunehmen. Aber auch kleinstes Futter wird nicht verschmäht. Oft wird nach Nahrung an der Filterschaumstoffmatte und am Boden gesucht. Bei unbekannten Nahrungstieren wird das Futtertier erst genau beäugt, um es dann in einem geeigneten Moment zu fressen.

Gefressen werden jegliche Arten von Lebendfutter. Ich füttere lebende Tubifex, alle Arten Mückenlarven, Tümpelfutter (Eintagsfliegenlarven, Cyclops, Wasserflöhe) sowie Artemia. Nachdem den vergesellschafteten Copella cf. nattereri ab und zu Drosophila gefüttert wurden, gingen auch die Characidium sp. "Westhäuser III" dazu über, die Fruchtfliegen von der Wasseroberfläche zu nehmen. Die Bodensalmler registrieren innerhalb weniger Sekunden die Fruchtfliegen auf der Wasseroberfläche; während Futter vorhanden ist, bleiben sie kurz unter der Wasseroberfläche "stehen", um in kurzen Abständen nach weiteren Fliegen zu schnappen.

Der Versuch, die Fische an Frostfutter zu gewöhnen, endete fast in einer Katastrophe: Kurz vor unserem Sommerurlaub 2000 ließ ich die Fische mehrere Tage hungern und reichte nach der Fastenpause gefrorene schwarze Mückenlarven. Meine Bodensalmler waren zwar nicht begeistert, fraßen aber nach anfänglichem Zögern das Futter. Nach vierzehn Tagen bescheidener Fütterung durch meinen Schwiegervater (es waren für den Nichtaquarianer Tagesportionen hergerichtet) lagen die vor sich hingammelnden Mückenlarven auf dem Aquariumgrund und alle Fische bettelten an der Frontscheibe - sie hatten tatsächlich gehungert! Einen weiteren Versuch mit toter Ersatznahrung habe ich seitdem unterlassen.



Nachzucht:

Leider kann ich bisher noch keine Nachzucht vermelden. Zwar ist eine Abnahme des Leibesumfangs der Weibchen öfters zu sehen, jedoch waren bisher weder Ablaichen noch Jungfische im Aquarium zu beobachten.

Mein bisher einmaliger Versuch in einem separatem Zuchtbecken (54l, kein Bodengrund) mit einem Männchen und zwei Weibchen wurde nach einer Woche erfolglos abgebrochen. Pinter (1998) weist auf ein apathisches Verhalten in Zuchtbecken ohne Bodengrund hin, was mich jedoch nicht davon abhielt, es mit meinen Tieren auszuprobieren. Die Tiere waren dabei sehr schreckhaft und hielten sich nur auf dem Bodengrund auf. Die Flossen (Bauch-, Brust- sowie untere Schwanzflosse), die mit der Glasscheibe in ständigem Kontakt waren, zeigten noch nach über 14 Tagen weiße Beläge.



Ein paar kleine Veränderungen, die bei meinen Tieren bei möglichen Balzspielen auftreten, will ich hier kurz darstellen:

  • Längsband verschwindet vollständig
  • gegenseitiges Stoßen im Kopf- und Genitalbereich
  • seitliches Imponieren
  • Artgenossen werden vom Balzplatz verjagt
  • verstärkte Atemfrequenz


Nachwort

Mein Dank gilt Dieter Ott, der mich zu diesem Artikel angeregt hat.



Foto 4 Weiter Bilder zum Artikel


Literaturnachweis:

  • FREY, H. (1983): Das große Lexikon der Aquaristik.
  • FREY, H. (1980): Zierfisch-Monographien - Band 1: Salmler. 3. Auflage, Neumann Verlag.
  • KAHL, BURKARD (1984): Salmler. Albrecht Philler Verlag.
  • PINTER, H. (1998): Handbuch der Aquarienfischzucht. 5. Auflage, Verlag Eugen Ulmer.
  • RICHTER, H. J. (1992): Bewährte und begehrte Salmler. Landbuch Verlag.
  • STALLKNECHT, H. (1994): Man nennt sie Salmler. Tetra Verlag.
  • STERBA, G. (1972): Handbuch der Aquarienfische. BLV München.
  • ZUKAL/FRANK (1982): Balzspiele im Aquarium. (Landbuch-Verlag).
  • OTT, Dieter (2000): Zur Kenntnis der Gattung Characidium. BSSW-Report 2/2000.

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